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Mount St.Elias

Axel Naglich


Was findest du an Bergen wie dem Mount St. Elias so anziehend?
„Man macht etwas, und dann wird man langsam bereit für den nächsten Schritt. Es interessiert mich nicht, dasselbe ein zweites Mal zu tun. Wenn ich ein Haus baue, muss es einzigartig sein. Das nächste Haus wird anders aussehen. Keines meiner Projekte ähnelt dem anderen. An einem Ort zu fahren, wo noch nie jemand gefahren ist, das hat etwas. Es ist eben neu. Niemand ist dort vor mir Ski gefahren, und dann sagt Paul Claus zu mir: „Weißt du, seit fünf Jahren war niemand auf diesem Gipfel.“ Das ist schon ein ganz besonderes Gefühl. Davon will ich immer mehr. Ich weiß, es ist traurig, alle diese Typen, die es versuchten und starben. Ich werde nicht sterben. Ich werde es ihnen zeigen. Ich will wissen, ob es geht! Das treibt mich an.“

Was war das Schwierigste, was du je erreicht hast?
„41 Jahre alt zu werden! Kennst du die Abfahrt in Kitzbühel? Im unteren Teil der Strecke gibt es den Zielsprung, über die die Abfahrer möglichst nicht springen. Ein Freund und ich waren Vorläufer und wetteten immer, wer dort weiter springen könnte. Also sprangen wir ständig, und ich schaffte einen 360er über was weiß ich, 75 Meter oder so. Es war ein Riesensprung. Wir waren damals 22 und interessierten uns für nichts anderes als für das Skifahren. Wir waren in Form. Wir trainierten das ganze Jahr lang, und ich fand das eigentlich ganz normal. Für uns war es nichts Besonderes. Ich meine, das war einfach unser Leben: Skifahren, Skifahren, Skifahren; je schneller, desto besser. Wir trainierten und trainierten und sprangen und sprangen und machten Sachen, die andere für völlig verrückt hielten. Wir waren auch verrückt, jedenfalls nach normalen Maßstäben. Aber für uns waren wir nicht verrückt. Wir hatten einfach Spaß.“

Wie lange wirst du noch Expeditionen wie zum Mt. Saint Elias unternehmen?
„Mein ganzes Leben. Natürlich auf einer anderen Stufe, aber ich möchte immer klettern und Skifahren. Vor allem Skifahren. Ist Sport vielleicht etwas, wo man mit 30 zum alten Eisen gehört? Muss man da aufhören und darf nie wieder Skifahren, oder was? Ich habe das mein ganzes Leben lang mit Begeisterung getan, und es gibt noch viele, viele andere Sportarten, die mir gefallen. Ich spiele liebend gern Fußball, ich spiele gerne Squash. Diese Sportarten habe ich total gern gemacht, aber jetzt kann ich nicht mehr wegen meiner Knie und meiner Knöchel. Ich hatte so viele Verletzungen im Lauf der Jahre, und die tun weh. Es ist egal, wenn ich etwas nicht mehr machen kann, es gibt so viel anderes zu tun. Ich glaube aber, dass ich ein Problem hätte, wenn ich nicht mehr Skifahren könnte. Das ist die einzige Sportart, die ich wirklich vermissen würde.“

Wie war das Gefühl am Gipfel des St. Elias?
„Gut, letzten Endes. Es war perfekt - ein bisschen windig und eiskalt, aber wir mussten warten. Unterhalb des Gipfels lagen riesige Schneehaufen, die vom Wind herein geblasen worden waren. Anders als im Frühling, wo sie vielleicht zehn Meter hoch sind, waren sie jetzt an die 40 oder 50 Meter hoch. Wir waren also auf unserem Weg zum Gipfel die ganze Zeit nicht sicher, ob wir einen Weg da durch finden würden. Die Route, die wir gewählt hatten, war sehr gut. Sie sah jedenfalls gut aus, aber wir konnten es noch nicht wissen. Unterhalb dieser Schneesäulen mussten wir warten, bis der Helikopter wieder aufgetankt war. Da wir im Windschatten saßen, war es recht angenehm, und wir konnten alles für die Gipfelfotos vorbereiten: die Fahne und all diese Dinge. Wir waren nur noch 40 oder 50 Meter vom Gipfel entfernt, und wir versuchten so schnell wie möglich dorthin zu kommen, denn es war eiskalt. Und wir schafften es.“

Hattest du auf dem Gipfel Angst vor der Abfahrt?
„Nein, eigentlich nicht. Ich fühle mich am wohlsten, wenn ich auf Skiern unterwegs bin. Den Mittelteil waren wir direkt hoch geklettert, und ursprünglich war geplant auch direkt abzufahren, auf derselben Strecke, die wir gekommen waren. Wir waren ein bisschen erschöpft. Wir waren ca. 20 oder 30 Meter voneinander entfernt. Wenn man da stand, spürte man die anderen beim Gehen, so hohl war der Untergrund. Wir hatten Angst vor einer riesigen Lawine. Die entscheidende Strecke auf diesem Berg ist meiner Meinung nach die Strecke von Haydon Col bis zum Gipfel. Wenn man da einen Fehler macht, fällt oder ausrutscht, wenn eine Lawine daher kommt oder wenn beim Klettern etwas passiert, wenn man zu rutschen beginnt, dann ist man verloren. Denn es ist auf jeder Seite total steil, so dass man nicht den Sturz nicht aufhalten kann, und jede Wand endet senkrecht. Ich glaube, dass ist das Schwierige auf diesem Berg. Er verzeiht keine Fehler. Während des ganzen Aufstiegs, von Tag zu Tag, wurden die Lawinen und die Gletscherspalten immer größer. Jeden Tag taten sich neue Gletscherspalten vor uns auf, die wir noch nie gesehen hatten.“

War der Aufstieg schwieriger als die Abfahrt?
„Irgendwie schon. Wenn man oben ist, weiß man, ob eine Abfahrt möglich ist oder nicht. Auf dem Gipfel heißt es also: OK, Konzentration. Für die oberste Wand hatten wir eine andere Route gewählt. Wenn man nach oben schaut, weiter nach rechts, ist es dort um ein oder zwei Grad flacher als auf der Direktlinie. Wir wollten dort nicht abfahren, weil im Untergrund alles hohl war. Wir hatten Angst vor Lawinen, und deshalb beschlossen wir, es auf dem anderen Weg zu versuchen. Wir wussten nicht, welche Bedingungen wir zu erwarten hatten, weil wir dort nicht hinauf geklettert waren.“

Was hast du nach dem Mount St. Elias als nächstes vor?
„Ich weiß nicht, was ich als nächstes machen werde. Keine Ahnung. Ich denke da an ein paar Berge, die mich interessieren, vielleicht nehmen wir uns den einen oder den anderen vor… direkt nach der Expedition haben alle die Nase voll davon, im Zelt herumzusitzen und auf günstiges Wetter zu warten. Was am Mt. Saint Elias passiert ist, passiert auf praktisch jeder Expedition. Einige sind erfolgreicher, andere weniger, aber das passiert jedes Mal.“